Kontroversen, Meinungen, Pro & Contra
Daniel Kehlmann fordert mehr Achtung der Würde des Schriftstellers
Sind die Veranstaltungen im Zusammenhang mit Buchpreisverleihungen für Autoren entwürdigend? Oder sollte man auf die Longlist und dem geforderten öffentlichen Auftritt bei der Preisbekanntgabe verzichten?
Gegen Preisverleihungen im Stil von 'Deutschland sucht den Superautor'
Pro Status quo: Als entwürdigend können nur etablierte Autoren die Nominierung und Preisbekanntgabe empfinden. Jeder wenig bekannte Autor kann sich solche Empfindlichkeit nicht leisten, denn sein Buch erhält schon durch die Nominierung die Chance von Rezensionen und Verkäufen. Sollte er den Buchpreis erhalten, könnte sein Werk sogar ein Bestseller werden. Dafür nimmt Autor sicher einige nicht so angenehme Nebenerscheinungen in Kauf.
Pro Änderung: Es wäre rücksichtsvoller und sensibler gegenüber den Literaten, wenn der Buchpreis in einer Feier dem ausgewählten Autor überreicht würde. Unwürdig erscheint tatsächlich, dass von den angereisten übrigen Schriftstellern erwartet wird, vor den Fernsehkameras Haltung zu bewahren und ihre Enttäuschung nicht zeigen. Das könnte man ihnen ersparen und nähme der Preisbekanntgabe jenes spektakuläre 'Deutschland sucht den Superautor'-Flair.
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| 249 | 10/08/2008 18:14 |
| Tanja Dückers # Daniel Kehlmann hat vollkommen recht mit seiner scharfen Kritik an der Einrichtung des Deutschen Buchpreises. Man kann ihm als schreibende Kollegin nur zustimmen, wenn er sagt: „Ein solches Spektakel mag die Umsätze des Buchhandels erhöhen, für die Literatur ist es bedauerlich und für die Schriftsteller, die ja niemand gefragt hat, ob sie sich einer solchen Prozedur unterwerfen möchten, eine Quelle der Sorge und der Depression.“ In der Tat kann sich heute kein Autor mehr uneingeschränkt an dem Erscheinen eines neuen Buchs von sich freuen, denn die erste Frage ist nun, ob er mit „dabei“ ist, ob er in die engere Auswahl für diesen ominösen Preis gekommen ist. Es geht nicht mehr um Kunst, sondern nur noch um einen Kunstpreis. Eine Handvoll Juroren, die nicht frei von literaturbetrieblichen Interessen und Einflüssen sind, denn sie gehören diesem Betrieb an, entscheiden nachhaltig darüber, ob ein Buch gefeiert oder ignoriert wird, ob ein Autor zum Star gekürt wird oder in der Versenkung verschwindet. Bücher, an denen ihre Schöpfer meist mehrere Jahre gearbeitet haben, sind nun Opfer einer einzigen Abstimmung, bei der der Daumen hoch- oder runtergehalten wird. Während es früher fruchtbare Debatten verschiedener Literaturkritiker gab, wie ein Buch aufzunehmen sei, macht der Deutsche Buchpreis heute genau die Ambivalenz zunichte, von der Kunstwerke doch eigentlich leben. Plötzlich gibt es nicht mehr verschiedene interessante Bücher, über die man diskutieren oder auch streiten kann, sondern nur noch einen Sieger und viele Verlierer. Die Vergabeprozedur des Buchpreises findet Kehlmann 'demütigend“. Zu Recht: Wenn sich die Finalisten in einer für die Medien aufgepushten Show nebeneinander aufreihen müssen, bevor der Sieger bekannt gegeben wird, hat man das Gefühl, das Bücherschreiben ist zu einer olympischen Disziplin geworden. Die Harmonie, den interessierten Austausch und das Kollegiale unter Autoren fördert dieses absolute Auf-die-Spitze-Treiben einer real existierenden Konkurrenzsituation ebenso wenig. Aber auch für den Leser ist der Deutsche Buchpreis ein Ärgernis: Dem unvoreingenommenen und neugierigen Leser, der sich aufs unbetretene Terrain, das Abenteuer und den Neuschnee freut, wird das Zepter aus der Hand genommen und unter die Nase gerieben: DAS ist das beste Buch! Bücher, die zufälligerweise nicht dem Geschmack der Jury entsprechen, die nicht mindestens in die erste Vorauswahl aufgenommen wurden, werden kaum noch in Zeitungen besprochen und liegen nicht in den Buchhandlungen aus, kurz: sie finden den Weg zum Leser nicht mehr. Ich plädiere für die Abschaffung des Deutschen Buchpreises. (gesendet im RBB am Dienstag, den 23.9.2008) © Tanja Dückers, im September 2008 |
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| 248 | 10/01/2008 16:30 |
| Klaus Burkhard mail@kburkhard.de Ich persönlich hätte wahrscheinlich erst mal kein Problem damit, da ich eine solche Veranstaltung einfach als Chance nehmen würde, in die Schriftstellerszene erst einmal hinein zu schnuppern. Da ich aber noch ganz am Anfang meines ersten Buchprojektes stehe und absolut nicht abschätzen kann, wie sich das alles noch entwickelt, könnte sich meine Einstellung dazu vielleicht auch noch ändern. Stressfreier wäre es sicherlich, wenn man im Vorfeld den Preisträger veröffentlichen und alle anderen trotzdem zu einer feierlichen Preisverleihung einladen würde. Es würde dann vielleicht nicht alle, aber sicherlich doch viele erscheinen. Es kann nun mal immer nur einer gewinnen. Vielleicht ist diese Einstellung aber auch nur etwas naiv, weil ich mit dem Hauen und Stechen in der Literatenscene bisher noch nicht konfrontiert worden bin. Ich taste mich derzeit erst ganz langsam an die Sache ran. |
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| 247 | 09/28/2008 20:06 |
| Christine Jakeman # Als ich mit dem Schreiben begann, war mein Ziel, zu veröffentlichen. Ich las Bücher über das Teilnehmen an Wettbewerben, das Erstellen von Exposés, die Vermarktung des eigenen Buches und des Autors. Je mehr ich versuchte, alles „richtig zu machen“, desto mehr blockierte mich das. In der Presse las ich Berichte über Literaturpreise und den Mainstream. Ermutigend war das nicht. Die Ochsentour, das Niveau der Literaturwettbewerbe, die Willkür der Juroren, der Autor als Marke, das hat mich abgeschreckt. Ob ich jemals veröffentliche, ist mir inzwischen egal. Den Zuspruch eines Buchpreises von der Anwesenheit des Autors abhängig zu machen, verfehlt den Sinn des Preises. Was sollte den Autor da noch zu einer Teilnahme am Wettbewerb motivieren? Wenn ich mich exhibitionieren wollte, wäre ich Schauspieler geworden, nicht Schriftsteller. |
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| 246 | 09/28/2008 14:38 |
| Manfred Wünsche # Bei solchen Meldungen muss ich immer wieder daran denken, dass Sartre den Nobelpreis abgelehnt hat. |
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| 245 | 09/27/2008 11:26 |
| Anne Adam visit
website anneadam at web dot de Guten Tag! Mag sein, dass es für einige Autoren entwürdigend ist. Ich selbst hätte damit keine Probleme. Nicht, weil ich ein no name bin, sondern weil es in meinem Leben immer wieder Enttäuschungen gab und geben wird. Was sollte mich dann ausgerechnet diese hier schrecken? Gruß Adam |
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| 244 | 09/26/2008 23:57 |
| Karl Kroll info@karlkroll.com Die Begründung für den Status quo erscheint mir unsensibel: Weil der weniger bekannte Autor sich die Empfindlichkeit eines etablierten Autoren 'nicht leisten kann', soll er weniger angenehme Nebenerscheinungen in Kauf nehmen müssen? Das klingt so, als könne man sich ihnen gegenüber Dinge herausnehmen, die man den etablierten Autoren niemals zumuten würde. Das klingt nach Missachtung von Menschenwürde. Außerdem kann ich nur befürworten, dass alles, was die Anmutung von 'Superstarsuche' beinhaltet, in einer Veranstaltung, die mit Literatur zu tun hat, nichts zu suchen hat, weil das von der Natur der Veranstaltung her schon etwas herabwürdigendes hat. In Hamburg gibt es bereits eine solch peinliche Veranstaltung, die sich 'Perlen vor die Säue nennt'. Kandidaten werden per roter bzw. grüner Karte gewählt bzw. abgewählt. Derartige Verfahren demonstrieren den Untergang von Kultur. Wenn sie nun auch noch generell Einzug in den Literaturbetrieb nehmen, stehen wir nicht mehr vor dem Abgrund, sondern wir befinden uns bereits im freien Fall. |
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| 243 | 09/26/2008 21:35 |
| Cornelia Poser # Die Rangfolge der Preisträger sollte den Schriftstellern unbedingt vor der Verleihung mitgeteilt werden. Für den 'Sieger' ist es vielleicht befriedigend, aber es ist entwürdigend, gezwungen zu werden, als nicht Ausgezeichneter, der Zeremonie beiwohnen zu müssen. Zumindest sollte man die Freiheit haben, sich für oder gegen eine Teilnahme an der Verleihung zu entscheiden. |
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| 242 | 09/26/2008 19:11 |
| Otmar Schütze # Besser wäre es die Preisträger nicht öffentlich auszuwählen und danach öffentlich bekannt zu geben. Es erspart Enttäuschungen und Bitterkeit, denn viele Autoren mit guten Büchern gehen zu oft leer aus. |
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| 241 | 09/26/2008 15:32 |
| Petra R. Müller visit
website prm@tele2.fr Es gibt Autoren, die aus persönlichen Gründen sich der Öffentlichkeit entziehen. Zum Beispiel, weil sie sich gerade im Ausland aufhalten und dort unabkömmlich sind. Woran nie gedacht wird, was aber durchaus denkbar ist, dass ein Autor körperlich behindert ist, sich nicht präsentieren möchte, weil es seine Würde verletzt, Mitleid zu erregen. Ein durch Unfall entstelltes Gesicht kann auch Grund genug sein, Kameras und Fernsehen zu meiden. Dem Wunsch solcher Autoren, im Hintergrund zu agieren, sollte unbedingt Rechnung getragen werden. Es zeugt von einer unbeabsichtigten Arroganz zu glauben, dass nur Menschen, die der gesellschaftlichen Norm entsprechen, gute Bücher schreiben können. |
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| 240 | 09/26/2008 13:33 |
| Karl Frechen # Mir tun die Autoren leid, die in Frankfurt, übrigens auch in Leipzig, bei der Preisverleihung dabei sein müssen, und dann in die Röhre gucken. Völlig überflüssig und in der Tat entwürdigend! |
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